Da es auf Kuba kaum Internet gibt und es ja auch ums genießen geht, ist dieser Blog zur Zeit etwa eine Woche in Verzug. Weil ich aber einen sehr schönen Geburtstag hatte und viele Grüße und nachfragen bekommen habe greift dieser Eintrag den Ereignissen ein bisschen vor. Echte Einträge sollen aber noch folgen.

Was bisher geschah
Ich verließ Trinidad um nach Havanna aufzubrechen, fest der Überzeugung dort locker die nächsten 1,5 Wochen verbringen zu können. Dem war nicht so.
Nach nur 3 Tagen lustlosen Touri-daseins fuhr ich weiter nach Viñales, wo ich bei einer Reittour durch die Tabakplantagen ein nettes Pärchen aus Belgien/Niederlande, Wouter und Inez, traf. Die beiden haben ein Auto gemietet und wollten am nächsten Tag damit nach Cienfuegos weiterfahren, ca 1,5h von Trindad entfernt. Während mich anfangs in Havanna noch Zweifel plagten, ob ich wirklich zurück fahren sollte, war das nun wirklich ein Wink mit dem Zaunpfahl, der nicht ignoriert werden konnte.
Trinidad
So brachen wir auf nach Cienfuegos. Gutes Timing, denn in Viñales regnete es, als wäre die Welt dabei unterzugehen. Unterwegs nahmen wir noch ein paar Anhalter mit und nach gut 6 Stunden löchrige Autobahn fahren kamen wir in Cienfuegos an. Dort angekommen trennten sich unsere Wege vorerst und es ging mit dem Taxi weiter. Als ich in Trinidad ankomme bin ich etwa 8 Stunden unterwegs gewesen.
Der Tag davor
Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg zu Eddy, der auf einem Markt arbeitet. Da er kein Handy hat, war es unmöglich ihn vorher zu informieren. Aber so ist es eh viel schöner, da er sich sichtlich freut mich wiederzusehen. Ich erzähle ihm von meinem anstehenden Geburtstag und weil es ja nun so gar nicht sein kann einen Geburtstag alleine zu feiern, lädt er mich zu sich nach Hause ein, wo er mit seiner Oma wohnt. Außerdem seien am nächsten Tag seine Mutter und Stiefvater da und er möchte unbedingt, dass ich sie kennenlerne.
Am Abend mache ich mich auf den Weg zu Eddy, der etwa 30 Minuten Fußweg entfernt wohnt. Dabei schwinden die schönen, bunten, Fassaden der Innenstadt schnell den rohen Ziegeln der Hausmauern. Die Touristen werden zunehmend weniger und zuletzt werde ich mit einer Mischung aus Faszination und Sorge betrachtet, da ich der einzig offensichtliche Tourist hier bin und man sich wohl sorgt, ich hätte mich verlaufen.

Eddy wohnt in einem einfachen Haus, das so ganz anders ist, als das was man als Tourist in den Casa Particular zu sehen bekommt. Die verschiedenen Gesellschaftsschichten sind auch auf Kuba vorhanden. Der Revolution zum trotz. Und auch wenn mir das irgendwie bewusst war, ist es doch etwas anderes diesen Unterschied mit eigenen Augen zu sehen.
Eddys Oma ist eine sehr lebenslustige Dame, die zwar kein Englisch spricht, aber jeden Satz auf Spanisch auch gerne drei mal ganz langsam wiederholt, falls das der Konversation hilft. Meist jedoch macht Eddy den Übersetzer und trotz der gelegentlichen Sprachbarriere verbringen wir einen schönen Abend miteinander, an dem viel gelacht wird. Wir bekommen ein hervorragendes Essen von ihr gekocht und ich darf etwas selbstgemachtes kubanisches Eis probieren, dass sie nebenbei verkauft.
Sie erzählt mir, dass sie zwei mal am Herzen operiert werden sollte. Beim ersten mal gab es Komplikationen und die Operation musste abgebrochen werden und beim zweiten Mal wurde die OP abgesagt, da die notwendigen Geräte nicht zur Verfügung stehen. Das ist der stand seit nunmehr 2 Jahren. Seit dem erneuten Embargo ist es schwer geworden mit der medizinischen Versorgung. Sie wolle sich aber nicht beklagen. Immerhin sei sie nun etwa 70 Jahre alt. So ganz genau weiß das aber niemand, da vor der Revolution Geburten nicht registriert wurden und danach in die Pässe meist irgendetwas geschrieben wurde. Nach diesem fiktiven Datum ist sie erst 66, sagt sie.
Sie fragt nach dem Grund meiner Reise und warum ich einen guten Job einfach so aufgebe. Die Sprachbarriere macht es nicht leichter das alles zu erklären. Das ist allgemein auf Kuba nicht sehr leicht zu erklären. Ich erzähle ihr, dass ich einen guten Job hatte, bei dem die Leute alles geschenkt, oder sehr günstig bekommen haben. Autos, essen, Getränke. Das die Leute sich aber immer nur beschweren über das was sie bekommen. Das ich nicht so sein will und nun reise um herauszufinden wie es weiter gehen soll und was ich gerne machen möchte.
Sie hört sich das alles an, während sie auf einer Herdplatte kocht, die so alt ist, dass nur noch einer der Heizstäbe funktioniert, was kochen zu einer langen Angelegenheit macht. Was sie darüber denkt erfahre ich nicht. Sie nickt immer nur bedächtig, den Blick auf die Pfanne gerichtet. Kulturelle Unterschiede und enorme Diskrepanzen bei Einkommen und Versorgungssicherheit lassen meine Gründe surreal erscheinen.
Nach dem Essen wollen wir losziehen, aber damit Oma nicht so alleine ist, wird probiert den defekten USB-Stick im defekten DVD-Player zum Laufen zu bekommen. Ein Wackelkontakt verhindert das abspielen und so wird mit Gewichten und Sandalen probiert den Stick in eine gute Position zu bekommen. Nach 2 Stunden hin und her bewegen ist es soweit und Oma ist glücklich, dass sie sich Blacklist anschauen kann. Das Problem besteht schon länger, aber USB-Sticks sind teuer und dann braucht es auch noch jemand mit Computer, der die Daten von a nach b schiebt. Nachdem nun aber alles funktioniert machen Eddy und ich uns auf den Weg zur Casa de la Musica.

Dort angekommen treffen wir auf Wouter und Inez, die doch bereits einen Tag früher nach Trinidad gereist sind. Zu dritt feiern wir meinen Geburtstag und ich bekomme ein nettes Ständchen gesungen. Die beiden verabschieden sich kurz darauf, da sie am nächsten Tag wandern möchten. Als wären sie der Anker der Zurückhaltung gewesen, eskaliert der Abend und wir feiern auf Kuba zu rumänischen Trash Euro Pop meinen Geburtstag. Ebenso wie headbanging die Woche zuvor, ist auch dies eine unerwartete Begebenheit. Doch ich denke mir, dass schließlich jeder ein recht auf schlechten Geschmack hat.
Auf dem Weg nach draußen treffen wir ein paar von Eddys Freunden, die sich mit Sanchero Rum abgeschossen haben, dem wesentlich schlechteren Cousin von Havana Club. Ich habe die beiden schon bei meinem ersten Aufenthalt in Trinidad kennengelernt und sie freuen sich mich wiederzusehen auch wenn beide kein Englisch sprechen und sich einer von ihnen direkt danach übergibt. (Weil ich mir den Namen nicht merken konnte, nenne ich ihn mal Hernandez.) Macht ja nichts, also bringen wir ihn fix nach Hause, ans andere Ende der Stadt.

Mein Geburtstag

Wegen des unglaublich langen Heimwegs verbrachte Eddy die Nacht in meiner Casa Particular. Als wir am nächsten Morgen aufwachen, habe ich eine Ahnung, dass das eine eher schlechte Idee war. Nichtsdestotrotz entscheiden wir uns meinen Casa Vater zu fragen, ob er heute wohl zwei Frühstück machen könnte. Er begrüßt mich überschwänglich und gratuliert mir zum Geburtstag. Ich erzähle ihm von einem Amigo, der bei mir geschlafen hat und ob es wohl möglich wäre zwei Frühstück zu bekommen. Kein Problem sagt er und grinst. Als er jedoch erfährt, dass es sich um einen Cubano handelt wird er wütend. Er stürmt ins Zimmer, ruft irgendwas auf spanisch, schnappt sich Eddy und schubst ihn Richtung Ausgang. Mit Händen und Füßen vor sie Tür gesetzt geht das Gezeter auf spanisch weiter und ich verstehe kein Wort.
Stellt sich heraus, dass es höchst illegal für einen Cubano ist bei einem anderen zu nächtigen, der für Geld Zimmer vermietet. Eine Errungenschaft der Revolution, wie mein Casa Vater mir erzählt. Hätte die Polizei das gesehen, hätte er sein Haus verlieren können, da vermieten einfach gar nicht geht. Ein etwas zu aufregender Start in den Tag.
Wir lassen uns die Laune aber nicht verderben und entscheiden uns noch mal schnorcheln zu gehen. Dazu soll doch diesmal die Harpune mitgenommen, damit das Fischen einfacher wird.
Aus unserem ursprünglichen Plan zwei Roller zu mieten wird leider nichts und so gehen wir zu Fuß zu Hernandez, der mit vermutlich ziemlich bösem Kater Zuhause im Bett liegt und sich vom Ventilator heiße Luft über den Körper pusten lässt.
Das mit der Harpune wird dann doch nichts, weil direkt vor der Tür auf einmal die Polizei steht und eine Verkehrskontrolle durchführt. Während Eddy probiert ein Taxi zu organisieren stehe ich alleine mit der Harpune, als Tourist, auf Kuba, nur 50m neben zwei Polizisten, und warte. Das zweite vergehen an diesem Tag. Da wir kein Taxi finden, das auch Touristen transportieren darf, schleichen wir uns an der Kontrolle vorbei und bringen sie schließlich zurück.
Auf Kuba gilt eine strenge Trennung zwischen dem was Touristen dürfen und das was Einheimische dürfen (Siehe Übernachtung). Ein weiteres Beispiel sind die Taxen, die besondere Lizenzen brauchen um auch Touristen zu transportieren. Die Einheimischen fahren fast ausschließlich mit Motorradtaxis. Touristen zahlen etwa 8 Euro und Einheimische 1 Euro für die gleiche Strecke. Wird ein Einheimischer erwischt, der ohne Lizenz Touristen herum fährt drohen ihm strenge Strafen. Auch das macht die Verkehrskontrolle zum Problem.
In einer Parallelstraße allerdings treibt mein umtriebiger Freund zwei Moto-Taxis auf, die bereit sind uns zum Strand zu fahren, trotz dass ich Tourist bin. Schnell den Helm aufgesetzt, umfahren wir großzügig die Verkehrskontrolle und mit knatterndem Motorengeräusch Richtung La Botea. Obwohl zunächst skeptisch, ist das die mit Abstand tollste Fahrt bisher. Der frische Wind, die warme Luft und die geniale Aussicht. Wer hätte gedacht, dass Motorradfahren so viel Spaß macht. Höchst Illegal für Touristen und Taxi Fahrer, was dem ganzen noch einen extra Kick gibt. Dennoch habe ich das Gefühl nun vollends angekommen zu sein und einem Blick hinter die Fassade zu bekommen.

Als wir wieder zurück sind, trennen sich unsere Wege vorerst und ich lege mich etwas schlafen um bereit zu sein für den Abend bei Eddys Familie. Bisher war es ein aufregender Tag mit vielen Überraschungen und unerwarteten Begebenheiten und ich war gespannt wie der Abend wohl wird.
Zunächst allerdings soll ich bei meiner Casa Mutter vorbeischauen, die mir einen Geburtstagskuchen gekauft hat und mit mir essen will. Daraus wird nichts, denn das Hähnchen vom Mittag möchte raus. Sofort. So hänge ich kotzend bei meiner casa Mutter, die Verständnis äußert und in Ruhe ihr Buch führt. Mir hingegen geht es elend und ich trete den Heimweg an. Dort angekommen ist klar, dass es nicht besser wird und ich den Abend wohl besser absagen muss. Aber wie? Ich habe keine Nummer, die ich anrufen kann und Internet ist auch nicht vorhanden. Es bleibt nur den 30 minütigen Weg auf mich zu nehmen und persönlich abzusagen.
Mit kleinen Schritten mache ich mich auf den Weg zu einem der Fahrrad-Taxen und lasse mich zumindest mit dem Rad hin fahren. Mit einer Stunde Verspätung komme ich vor die Tür gehumpelt und als sie sich öffnet steht eine große glückliche Familie vor mir, die mir ein Geburtstagslied singt. Sie haben sogar ein Pappschild bemalt das sie freudig in die Höhe halten.
Auf das erste Lied folgt ein zweites, bei dem die letzte Strophe vom Geburtstagskind zu singen ist. Ich wurde bereits am Mittag entsprechend instruiert und musste mir die Worte merken. Die Melodie ist die gleiche wie „Zum Geburtstag viel Glück“
Un día como hoy
Un niñito nació
Le pusienon Sebastiàn
Y ese niño soy yo
An einem Tag wie heute, wurde ein Kind gebohren. Sein Name ist Sebastian. Und dieses Kind bin ich!
Trotz meines erbärmlichen Zustandes verbringen wir einen schönen Abend miteinander. Ich fühle mich schlecht sie mit dem Essen warten gelassen zu haben und auch nicht essen zu können, wo sie doch so freundlich waren mir etwas zu kochen. Es herrscht allgemeines Verständnis und ich solle mir gar keine Sorgen machen. Eddys Mutter ist eine herzliche Frau, die mir anbietet mich in Krankenhaus zu bringen und ein Gebet für mich zu sprechen. Beides lehne ich höflich ab und auch, dass ich in dieser sehr religiösen Familie gestehe nicht an Gott zu glauben, tut der Herzlichkeit keinen Abbruch. Nach etwa zwei Stunden allerdings muss ich mich auf den Weg machen. Ich kann einfach nicht mehr. Der gesamte Verdauungsapparat ist in Rebellion und möchte Ruhe. Ich verabschiede mich von meinen Gastgebern, die sehr schade finden, dass ich nicht noch auf eine Runde Domino bleiben kann. (Das ist das beliebteste Spiel hier.)
Damit ich nicht laufen muss wird ein weiteres Moto-Taxi bestellt. Als es ankommt werde ich genauso herzlich verabschiedet, wie ich willkommen geheißen wurde. Man wünscht mir eine gute Reise und viel Glück und ganz zum Schluss sagt mir Oma noch, dass wenn ich wieder nach Kuba komme, ich jederzeit willkommen bin und unbedingt vorbei kommen muss. Gerührt von der Herzlichkeit der Familie steige ich aufs Motorrad, dem letzten (illegalen) Abenteuer des Tages und lasse mich nach Hause fahren.
Da es mir wirklich elend geht habe ich leider auch vergessen Bilder von der netten Familie und dem Fest zu machen.
Der Tag danach
Am nächsten Tag ist es Zeit Abschied zu nehmen. Abschied von Eddy. Abschied von Trinidad und am nächsten Tag auch Abschied von Kuba.
Ich besuche Eddy ein letztes Mal an seinem Marktstand und berichte ihm, dass ich noch immer nichts essen kann. Er lacht mich dafür aus. Dann tauchen, für mich unerwartet Wouter und Inez auf und gesellen sich zu uns. Ich dachte ich hätte wegen meiner Krankheit verpasst sie noch einmal wiederzusehen. Nach einem letzten Abschiedsfoto ist es Zeit aufzubrechen.

Wieder im Taxi, wieder nach Havanna. Diesmal sehr zufrieden und mit etwas schmerzenden Magen. Traurig, dass die schöne Zeit auf Kuba nun bald vorbei ist, traurig einen neuen Freund zurückzulassen. Allerdings auch glücklich über das erlebte und ziemlich glücklich demnächst endlich wieder richtig ausgiebig essen zu können.
Kleine Werbung in eigener Sache
Übrigens sind Wouter und Inez Musiker, die sich sehr freuten zu hören, dass ich aus Hannover komme. Dort treten sie mit ihrer Gruppe am 13. und 14.3 im Theater an der Glocksee auf. Ihre Gruppe heißt Zwermers Pan~\\catwalk und sie sind auf Kuba, nachdem sie 3 Wochen durch Mexiko auf Tour gewesen sind. Wer also noch nichts vorhat, gute Musik hören möchte und Leuten von meiner Reise begegnen möchte, sei dringend empfohlen dort hin zu gehen! Und wenn ihr sie dann noch ganz lieb von mir grüßt werden sie euch sicher eine gute Gesellschaft sein.
Zwermers Pan~\\catwalk
13.3 & 14.3 Hannover
Theater an der Glocksee